#35 Es hat nichts mit dir zu tun
- Rosemarie

- 9. Okt. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Jan.

Es hat nichts mit dir zu tun.
Falls es so scheint: Ich halte mich zurück, lasse mich nicht von Zeitraffer mitreißen. Scheint es, als würde ich nicht vertrauen, weil ich nicht alles gleich raushaue, kein offenes Buch bin. Nicht s o f o r t. Ich bin anders offen. Leiser. Pur. Echt. Mal auch lauter. Mei, was soll ich viel sagen – erleb mich einfach.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Ich vertraute zu schnell, zu viel – war oft zu grenzenlos. Habe diese Sehnsucht in mir nach Verbundensein, nach Verschmelzen. Danach, dass das du und ich verschwimmen. Dass aus zwei Farben Rot und Blau Lila wird. Dass zwei Farben eins werden. Ineinander verlaufen. Dieses Gefühl von Einssein. Lila sein. Meine Sehnsucht ließ mich oft Lila werden. Ich war nur noch Lila. Sehr lange. Zu lange. Auch schon vor dir. Lange vor dir. Lange bevor ich das Licht der Welt erblickte. Als ich zu zweit war und plötzlich wieder alleine war. Was blieb, war Sehnsucht nach dem Lila, nach Verschmelzen.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Ich habe mit der Zeit schmerzhaft erkannt: Ich kenne meine eigenen Farben nicht. Ich kannte sie einfach nicht. Ich kannte m i c h nicht. Denn ich habe eine wundervolle Fähigkeit: Ich erkenne die Farben von anderen spielerisch leicht und kann sie annehmen wie ein Chamäleon. Mich in andere einfühlen, in ihre Bedürfnisse, in ihre Ängste und Herausforderungen. Es ist leicht für mich. So verdammt leicht. Und es war so schmerzhaft zu erkennen, dass es für mich selbst so verdammt schwierig ist. Welche Farben sind meine? Was sind m e i n e Bedürfnisse? Was sind m e i n e Ängste? Was sind m e i n e Herausforderungen? Was gehört wirklich zu m i r und was habe ich übernommen?
Es hat nichts mit dir zu tun.
Dass ich selbst noch manchmal leise an mir zweifle. Sobald mich die vertraute lila Welle mit einer Wucht wieder trifft und einholt mit meinen alten, vertrauten Mustern. Muster, die ich jahrzehntelang unbewusst eingeübt habe. Ich stehe da, sie rollt über mich hinweg, durchnässt mich, weicht alles auf, berührt mich und meine Zellen. Will meine Zellen färben mit Farben, die nicht meine sind. Will mich lila färben. Und ich bemerke es. Das ist der Unterschied zu früher. Ich bemerke es bewusst und handle, reagiere nicht mehr nur reaktiv, blind und automatisch.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Dass ich auf dem Weg bin und meinen Weg spielerisch ernst nehme. Dass ich meinen Rhythmus kennengelernt habe und mit ihm fließe, mit seinen Stromschnellen, und mich auch treiben lasse, mir einfach mal Zeit lasse. Was in meinem Leben kommen soll, kommt. Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, zu lernen zu spüren. M i c h zu spüren. Meinen verdrängten Schmerz wirklich zu spüren, ihn durchfließen zu lassen und zu bemerken: Ich zerbreche nicht mehr daran. Denn ich habe Fels-in-der-Brandung-Menschen in mein Leben gelassen und bin dank ihnen in mir und mit mir gewachsen. Habe meine Farben entdeckt. Habe sie lieben gelernt. Ich liebe sie, auch wenn ich von ihnen genervt bin.
Ich liiiiiiebe mein Rot: Lebensfreude. Ungeduld. Wut. Leidenschaft. Intensität. Genervtsein. Mein: Es geht mir zu langsam! Viel zu langsam. Mein: Da ist ein Hindernis, ein Problem – okay, gut. Erkannt. Ich bleib dran und tüftel solange daran rum, bis ich es wandeln kann, r a d i k a l – mich hält nichts davon ab. Denn Aufgeben ist keine Option, was nicht Brechstange und Extreme heißt. Mein: Ich mach das jetzt, koste es, was es wolle, denn ich will nicht mehr, dass es mich ausbremst, mir wehtut, mich behindert, mich stresst. Ich will mein Leben lebendig leben. Will gestalten. Will genießen. Will keine Kompromisse mehr. Mein Ja zu mir und allem. Wirklich allem, auch dem Schmerz.
Ich liebe all die Schattierungen meiner Blautöne: Tiefe. Intensive Gefühlswelt. Intuition. Vertrauen. Verletzlichkeit. Geduld. Hingabe. Sensibilität. Zärtlichkeit. Durchlässigkeit. Mein Mitleiden, das ich in Mitfühlen wandelte. Meinen anderen Raum geben, das sich wandelte in mir selbst Raum geben. Mein wortloses Verstehen. Meine Lebensmüdigkeit angesichts der Scheiße, die sich Menschen bewusst und unbewusst gegenseitig antun – und unserer Erde, unserer Natur. Dass ich Zeit für mich alleine brauche, nur mit Sein. Die Tatsache, dass Musik mich tief berühren und tragen kann.
Oh, liebes wundervolles Grün: Meine Analysefähigkeit und mein tiefes Schauenwollen. Meine Sturheit. Selbstreflexion. Zaghaftigkeit. Standhaftigkeit. Hinterfragen und Zweifeln. Ernsthaftigkeit. Klarheit. Pragmatismus. Meine Ausdauer und mein Dranbleiben. Meine Liebe zur Natur und zu den Kleinigkeiten und leisen Momenten des Lebens, die mein Herz zum Strahlen bringen und mich zu Tränen rühren. Meine Liebe für menschliche Momente.
Buhhh jaaa! Alle Facetten von Gelb: Staunende, blitzende Augen. Lebendigkeit. Ausprobieren. Leichtigkeit. Spontanität. Neugier auf die Welt, auf Menschen und mein unbändiges Interesse daran, warum sie das tun, was sie gerne tun. Auf Kulturen, auf gutes Essen. Auf Gespräche, die mich berühren und inspirieren. Meine Fantasie, Vorstellungskraft und Verrücktheit. Mein kindliche, pure Freude. Meine Geistesblitze und meine Kreativität, die scheinbar Unmögliches möglich und lösbar macht.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Denn wir alle sind komplexe, mehrdimensionale Wesen, die alle Farben in unterschiedlichen Ausprägungen haben und die wir noch entdecken können. Widersprechen sich die Farben manchmal? Menschlicherweise, na klar. Ergibt es ein buntes, lebendiges Bild? Oh ja.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Dass ich mir Zeit lassen möchte. Muss. Dass ich Zeitraffer nicht mehr kann und will. Immer mal wieder lila sein und mich dann wieder zu erspüren, braucht Zeit. Ich brauche Zeit, um aus dem Lila-Brei wieder in meine Farben zu finden. Immer mal wieder. Und wieder.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Dass ich manchmal immer noch innerlich staune, dass andere anders sind. Natürlich. Heute selbstverständlich, damals gingen mir Kronleuchter auf. Denn ich, wie alle anderen auch, habe die Welt und andere nur durch das eigene Kaleidoskop betrachtet. Jede und jeder ist ein eigenes, filigranes, faszinierendes Kaleidoskop. Ein Feuerwerk an Farben. Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, meine Farben kennenzulernen, sie zu erforschen, sie zu leben. In großen und kleinen Momenten. Habe nebenbei mein normales Alltags- und Berufsleben gelebt und mir parallel ein stimmiges Leben und einen Alltag aufgebaut, den ich liebe, von dem ich keinen Urlaub mehr brauche. Bin geheilt aus jahrzehntelangen Mustern und heile oftmals noch immer – wie wir alle. Ich kenne meine Farben sehr gut und forsche weiter, feiner. Ich möchte nicht mehr nur lila sein. Ich kann nicht mehr nur verschmolzenes Lila sein. Es hat mich zu viel Kraft gekostet. Der Preis war hoch. Und gleichzeitig war mein Geburtskanal lila. Durch Lila konnte ich mich erst entdecken. Danke, Lila, meine Lehrerin. Dank dir kann ich andere Universen erspüren und immer wieder in mir zurückkehren.
Es hat nichts mit dir zu tun.
Dass in dir diese stille, wortlose Faszination ist, all meine Farben und auch Lila zu spüren, mit denen ich bedingungslos verbunden bin. Mein Lila berührt dein Lila und weckt den Hunger in dir: nach Nähe, nach Einssein, nach Momenten, in denen es kein Dazwischen mehr gibt. Ein stilles Versprechen, eine flüsternde Einladung, sich zu vermischen, zu verschmelzen, sich ineinander zu verlieren. Du bleibst an Lila kleben, klammerst, willst dort bleiben. So verlockend ist der Sog, wo du nichts von dir unterscheiden musst, nichts von dir halten musst, wo du dir selbst nicht begegnen musst. Wenn du dort bleibst, weil es leichter ist.
Dann hat das was mit dir zu tun.




