#46 Gelüste, stationär
- Rosemarie

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 4 Tagen

Dunkelheit.
Alle schlafen.
Die Gemeinschaftsräume verweist.
Nachtruhe.
Klinikspeicher.
Nur wir beide.
Gespräche, die zu lange dauern.
Zu tief gehen.
Wochen, in denen die einzelnen Tage ihre Kontur verlieren.
Alles wird intensiver, dichter, schwerer.
Auf einmal ist da der Impuls,
wird fast beiläufig ausgesprochen:
"Lust.
... auf...
nen Cocktail."
Und eine leise Ahnung.
Es geht nicht wirklich um den Cocktail.
Nicht um den Alkohol.
Es geht um das, was fehlt.
Es gibt Regeln an diesem Ort.
Vieles ist erlaubt: Bewegung, Rückzug, Freiheit – eingebettet in Struktur.
Manches wie "kein Alkohol" wirkt erst wie alberner Verzicht,
später entpuppt es sich als Orientierung.
Ein Ort, an dem gefühlt wird.
Endlich.
Tief, pur, intensiv.
Unterdrücktes steigt auf.
Vergessenes
Aus verschiedenen Jahren.
Manchmal ohne Worte, nur Körpererinnerungen.
Sie wollen Raum bekommen.
Gesehen werden.
Endlich.
Kurz gehalten werden, um sich dann lösen zu können.
So darf es hier sein.
Deshalb ist niemand zufällig hier.
Und dennoch gibt es in dieser Nacht einen Punkt der Müdigkeit.
Müdigkeit bis in die Zellen hinein.
Von all dem Fühlen.
Das an der Tagesordnung steht.
Fühlen ist ein intensiver Prozess.
Wenn es Raum bekommt, und willkommen ist.
Es geht durch alle Schichten.
Bringt in Bewegung, was lange starr war.
Die vergangene Wucht der Gefühlswellen schwappt in die Gegenwart.
Durchdringt den Körper,
durchdringt alle Ebenen des Seins.
Patschnass, durchweicht.
Dabei bleiben.
Sich nicht mehr abwenden.
Und vertrauen lernen, dass sich alles danach stimmiger sortiert,
von selbst - auch wenn man selbst noch weiß wie genau.
Gewollt ist kein Cocktail,
sondern das Gefühl.
Wärme, die sich langsam ausbreitet.
Im Magen, im Brustraum.
Ein weiche Schwere von innen.
Ein Einhüllen.
Etwas, das die laute Unruhe dämpft.
Etwas, das weich zeichnet.
Für einige Stunden, das zu viel dämpft.
Sich selbst vergessen.
Eine Pause vom Denken, Erinnern, Analysieren, Erkennen, Betrauern.
Eine Pause von innerer Daueranspannung.
Eine Pause von den inneren Stürmen.
Die Sehnsucht, zutiefst menschlich.
Sie kennt viele Wege.
Wege die verschieben, verzögern.
Legen für einige Momente einen Schleier darüber.
Aber es bleibt.
Es verschwindet nichts.
Es gibt andere Wege.
Für selbstvergessene Momente.
Wasser auf der Haut.
Badewanne. See. Stille. Energiefluss.
Ausatmen.
Loslassen.
Durchatmen.
Aufatmen.
Die Atmung vertieft sich.
Entspannung.
Ein Zustand, der nicht betäubt, sondern verbindet und trägt.
Es breiten sich warme Wogen aus.
Die einhüllen.
Den Körper loslassen, ohne abzuschalten.
Sich in sich selbst verlieren, ohne sich zu verlassen.
Betäubung verzögert.
Hält Selbstverbindung auf Abstand.
Es braucht Momente des Innehaltens,
damit Gelüste nicht blind übernehmen.
Tragende Wärme.
Weich werden.
Nachklingen.
M i t dir selbst.




