#62 Gewobenes Vertrauen, dazwischen.
- Rosemarie

- 6. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Vielleicht liegt der Unterschied gar nicht darin, wie aufmerksam jemand zuhört.
Sondern darin, was mit dem passiert, was er hört.
Ich habe über die Jahre beobachtet, wie unterschiedlich Menschen zuhören. Und je länger ich hinschaue, desto mehr glaube ich, dass es gar nicht wirklich ums Zuhören geht. Sondern darum, ob jemand das Lebendige l e b e n d i g lassen kann.
Denn manchmal erzähle ich etwas von mir und noch während ich spreche, scheint das Gesagte bereits irgendwo im gegenüber einzurasten.
Etwas fühlt sich endlich an.
Es bekommt einen Namen.
Eine Bedeutung.
Einen Platz im inneren Ordnungssystem des anderen.
Aus der Bewegung wird ein Standbild.
Aus einer Möglichkeit eine Erklärung.
Aus etwas Lebendigem etwas Festes.
Keine böse Absicht. Nicht einmal aus Mangel an Interesse.
Eher aus dem dringenden Wunsch heraus, wirklich schnell zu verstehen, es wirklich greifbar zu machen. Vielleicht auch aus dem Wunsch nach Sicherheit.
Denn das, was wir benennen können, wird berechenbarer.
Das, was wir einordnen können, fühlt sich greifbarer an.
Und doch spüre ich den Unterschied.
Denn manches Verstehen schließt.
Und manches Verstehen öffnet.
Manche Menschen hören zu und aus dem, was ich erzähle, entsteht eine Schublade.
Ein Fach.
Eine Form.
Ein fertiges Bild.
Und je klarer dieses Bild wird, desto schwieriger wird es manchmal, mich darin noch bewegen zu dürfen.
Mich zu verändern.
Mir zu widersprechen.
Etwas Neues über mich selbst herauszufinden.
Manche Menschen begegnen mir anders.
Deren Innenraum gleicht eher einem Atelier.
Da liegen Farben herum.
Skizzen.
Materialien.
Fragmente.
Angefangene Linien.
Nichts ist endgültig.
Nichts muss sofort Sinn ergeben.
Nichts wird vorschnell festgeschrieben.
Das, was ich erzähle, bleibt o r g a n i s c h.
Darf dort erst einmal atmen.
Sich verbinden.
Sich verwandeln.
Darf Widersprüche enthalten.
Darf unfertig bleiben.
Darf morgen etwas anderes bedeuten als heute.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das mich immer wieder t i e f berührt.
Denn diese Menschen hören nicht nur die Worte.
Sie bemerken die kleine Pause.
Das kurze Zögern.
Den Richtungswechsel mitten im Satz.
Den Widerspruch zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gleichzeitig mitschwingt.
Sie hören nicht nur mit dem Verstand.
Und trotzdem glauben sie nicht automatisch ihrer ersten Wahrnehmung.
Sie wissen, dass auch sie mich und meine Worte durch ihre e i g e n e Geschichte hören.
Durch ihre Erfahrungen.
Ihre Wunden.
Ihre Sehnsüchte.
Ihre Hoffnungen.
Ihre Ängste.
Sie wissen, dass Wahrnehmung niemals vollkommen neutral ist.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst.
Wahrzunehmen und g l e i c h z e i t i g offen zu bleiben.
Etwas zu erkennen, ohne es sofort festzuschreiben.
Etwas zu sehen, ohne es besitzen zu wollen.
Eine Vermutung zu haben, ohne sie zur Wahrheit zu erklären.
Die Möglichkeit zuzulassen, dass man sich irrt.
Das der andere Mensch bleibt und fehlbar ist.
Die Möglichkeit zuzulassen, dass der andere mehr ist als das, was man gerade in diesem Moment erkennen kann.
Lange habe ich gedacht, das sei einfach nur eine Art, mit Menschen in Beziehung zu gehen.
Erst mit der Zeit habe ich verstanden, welches Gewicht darin liegt.
Wie selten diese Fähigkeit geworden ist.
Und wie kostbar.
Nicht weil sie außergewöhnlich wäre.
Sondern weil sie Bereitschaft für B e w u s s t h e i t braucht.
Demut.
Übung.
Die Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung i m m e r w i e d e r zu hinterfragen.
Und die Bereitschaft, einem Menschen wichtiger zu nehmen,
als die e i g e n e E r k l ä r u n g über ihn.
Mit der Zeit entsteht daraus etwas.
Etwas, das langsam wächst.
Gespräch für Gespräch.
Begegnung für Begegnung.
Ein gewobenes Vertrauen.
Entstanden aus Erleben.
Aus Raum.
Aus Zuhören.
Aus Mut.
Aus Ehrlichkeit.
Aus der Bereitschaft, gemeinsam hinzuschauen, statt übereinander zu urteilen.
Und irgendwann geschieht etwas Seltenes.
Man beginnt, sich Dinge sagen zu dürfen.
Nicht weil einer über dem anderen steht.
Nicht weil einer recht hat.
Sondern weil beide spüren, wie sorgfältig mit dem umgegangen wird, was zwischen ihnen liegt.
Dann wird ein Satz wie:
„Ich glaube, du belügst dich gerade selbst.“
nicht als Angriff gehört.
Sondern als Einladung.
Nicht immer angenehm.
Aber oft unglaublich wertvoll.
Weil er nicht aus Überheblichkeit entsteht.
Sondern aus Z u n e i g u n g.
Aus R e s p e k t.
Aus dem Wunsch, dass der andere sich selbst nicht verliert.
Ich glaube, darin liegt etwas fast H e i l i g e s.
Ein Miteinander, das mit großer Sorgfalt behandelt werden sollte.
Wenn diese besonderen Momente entstehen.
Denn nicht jeder bekommt diese Erlaubnis.
Und nicht jeder sollte sie bekommen.
Aber wenn sie entsteht,
ist sie eines der kostbarsten Geschenke,
die Menschen e i n a n d e r machen können.
Einen Ort, an dem Wachstum möglich bleibt.
Einen Ort, an dem Entfaltung liebevoll bezeugt und unterstützt wird.
Einen Ort, an dem wir uns verändern dürfen,
ohne dafür unsere Z u g e h ö r i g k e i t zu verlieren.
Was für ein Geschenk es ist,
Menschen zu haben,
bei denen man wachsen darf,
ohne festgelegt zu werden.
Und was für ein Privileg es ist,
jemanden zu finden,
der das Bild lebendig hält.
Vielleicht ist das das größte Geschenk,
das wir einander machen können.
Nicht, einander zu verstehen.
Sondern e i n a n d e r l e b e n d i g zu lassen.




