#61 Wenn Titel größer werden als Realität.
- Rosemarie

- 6. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Kennst du diese Menschen?
Die haben die richtigen Titel.
Die richtigen Zertifikate.
Die richtige Position.
Die passenden Statussymbole.
Den perfekten Lebenslauf, bei dem alle anerkennend nicken.
Und trotzdem sitzt du ihnen gegenüber und nach wenigen Minuten s p ü r s t du:
Irgendetwas... stimmt nicht.
Du kannst es oft nicht einmal in Worte fassen.
Es ist nichts Offensichtliches.
Nichts, was man auf einem Blatt Papier festhalten könnte.
Aber da ist etwas, ein Gefühl...
Eine Diskrepanz zwischen dem,
was auf dem Papier steht, und dem,
was tatsächlich im d a z w i s c h e n spürbar ist.
Und je mehr Lebenserfahrung ich habe,
desto mehr v e r t r a u e ich auf diese gefühlte Diskrepanz,
die ich spüre. Auf meine Fühler.
Versteh mich nicht falsch.
Ich finde Titel und Abschlüsse wichtig.
Wirklich.
Es ist beeindruckend, wenn Menschen sich über Jahre hinweg etwas konstant erarbeiten. Wenn sie lernen, üben, forschen, scheitern, weitermachen dann den Meilenstein erreichen.
Das verdient Respekt.
Anerkennung.
Ein Abschluss erzählt eine Geschichte.
Ein Zertifikat erzählt eine Geschichte.
Ein Titel erzählt eine Geschichte.
Von Hingabe.
Von Ausdauer.
Von investierter Lebenszeit.
Was mich irritiert, ist etwas anderes.
Irgendwann haben wir begonnen,
diese M o m e n t e wichtiger zu nehmen als den M e n s c h e n selbst.
Als würde ein Zertifikat etwas über den C h a r a k t e r aussagen.
Als würde ein Titel automatisch bedeuten, dass jemand f ü h r e n kann.
Als würde eine Position garantieren, dass jemand V e r a n t w o r t u n g übernimmt.
Als würde Wissen automatisch W e i s h e i t hervorbringen.
Dabei ist ein Zertifikat am Ende n u r ein S t a n d b i l d.
Ein einzelner Moment.
Ein eingefrorener Lebensabschnitt.
Und manchmal machen wir genau diesen e i n e n Ausschnitt s o s o g r o ß,
dass er alles andere überschattet.
Die Entwicklung.
Die Menschlichkeit.
Die Reife.
Die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen.
Das Leben davor.
Das Leben danach.
Dabei ist ein Standbild noch lange kein Film.
Es zeigt einen Moment.
Nie die ganze Geschichte.
Und ich glaube, genau dort entstehen viele der Probleme,
die wir überall beobachten können.
In Unternehmen.
In Institutionen.
In Gemeinschaften.
In Familien.
Menschen werden aufgrund ihrer Titel zu Autoritäten gekrönt,
bevor sie sich als Autoritäten erwiesen haben.
Und gleichzeitig sitzen irgendwo Menschen.
Ohne große Bühne.
Ohne prestigeträchtigen Titel.
Ohne beeindruckenden Lebenslauf.
Und t r o t z d e m gehen alle zu ihnen.
Weil dort etwas ist, das sich nicht verleihen lässt.
Etwas, das man nicht drucken, nicht stempeln und nicht einrahmen kann.
Vertrauen.
Integrität.
Kompetenz.
Weisheit.
Verkörperung.
Substanz.
.
Ich habe es immer wieder erlebt,
dass die eigentlichen Autoritäten manchmal die leisesten Menschen im Hintergrund sind.
Nicht weil sie a l l e s wissen.
sie l e b e n das was sie wissen.
Einfach so, ohne es laut anzukündigen.
Weil sie zuhören können.
Weil sie sehen wo es hakt.
Weil sie Verantwortung übernehmen.
Weil sie Menschen würdevoll behandeln.
Weil ihre Worte und ihr Handeln natürlich kohärent sind.
Und genau deshalb folgen ihnen andere.
Ganz von selbst, unbewusst.
Nicht aufgrund einer Position.
Sondern aufgrund ihrer Präsenz.
Ihrer Wirkung.
Natürliche Autorität entsteht nicht durch Ernennung.
Sie entsteht durch Erfahrung.
Durch gelebte Kompetenz.
Durch die Art, wie jemand mit Menschen umgeht, wenn n i e m a n d hinschaut.
Vielleicht ist das der Teil, den wir manchmal vergessen.
Systeme brauchen Titel.
Natürlich brauchen sie die.
Sie brauchen Qualifikationen.
Nachweise.
Irgendwelche Orientierungspunkte brauchen wir.
Das P r o b l e m beginnt sobald, wir das Standbild mit der Realität verwechseln.
Wenn wir glauben, ein Titel würde uns sagen, w e r ein Mensch ist.
Denn das tut er n i c h t.
N i e.
Er sagt uns, welchen Weg jemand gegangen ist.
Nicht, warum er diesen Weg gegangen ist.
Ob mit Herz und Verstand oder
vielleicht hat sich nur aus Pflichtgefühl durchgeschleppt.
Nicht, was dieser Weg aus ihm gemacht hat.
Und vielleicht ist das auch die Einladung.
Folge dem was dich sowieso ganz brennend interessiert.
Vertiefe dich.
Lerne.
Werde richtig gut in dem, was du tust.
Erlange gelebte Meisterschaft,
hol dir den öden Zettel, der das bezeugt,
damit man es dir dann auch glaubt.
Hol Abschlüsse nach.
Mach Ausbildungen.
Erweitere deinen Horizont.
Aber verwechsle n i e m a l s den Nachweis mit der Verkörperung.
Denn die eigentliche Arbeit beginnt nicht mit dem Zertifikat.
Die eigentliche Arbeit beginnt d a n a c h.
Dort, wo niemand mehr Noten vergibt.
Dort, wo keine Urkunde mehr an der Wand hängt.
Dort, wo Menschen erleben, wer du wirklich bist.
Und vielleicht sollten wir genau dort wieder genauer hinsehen.
Ja, das braucht Zeit.
Es heißt oft: Zeit ist Geld. Deswegen schnell schnell.
Aber für vorschnelle Urteile zahlt man ebenfalls einen Preis, nur später.
Manchmal übersehen wir die richtigen Menschen.
Und manchmal vertrauen wir den falschen.
Denn Titel sieht man sofort.
Charakter nicht.
Kompetenz nicht.
Integrität nicht.
Das alles zeigt sich erst im Leben.
Im Alltag.
Im Miteinander.
In Entscheidungen.
In dem, was jemand tut, wenn niemand hinsieht.
Vielleicht lohnt es sich deshalb,
Menschen etwas weniger nach ihren Nachweisen zu beurteilen.
Und etwas mehr nach dem, was sie Tag für Tag verkörpern.
Nicht nach dem, was glänzt.
Sondern nach dem, was trägt.




