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#59 Natürlich lüge ich.

  • Autorenbild: Rosemarie
    Rosemarie
  • 6. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Natürlich lüge ich.


Vielleicht ist Lügen ein hartes Wort.

Vielleicht umschreib es einen Prozess, mein langsames Anlehnen.

Denn wenn ich mich w i r k l i c h zeige,

dann sind es nicht nur ein paar Gedanken oder ein paar Geschichten.

Dann lehne ich mich mit meinem ganzen Gewicht an.

Mit meiner ganzen Wahrheit.

Mit meiner Geschichte.

Und da ist leichtes Licht und schwere Schatten.

Mit all dem, was in mir lebt.


Und bevor ich das tue, taste ich ab.

Kannst du das halten?

Willst du das halten?

Ist da genug Raum zwischen uns entstanden?


Natürlich lüge ich.

Nicht böswillig.

Nicht, um dich zu verletzen.

Nicht, um dich zu verwirren.

Sondern weil etwas in mir schützen möchte, was so weich ist.

Weil Wahrheit nackt ist.

Weil Wahrheit verletzlich ist.

Weil Wahrheit nicht einfach nur Information ist.

Sie verändert etwas. Manchmal alles.

In mir. In dir. Zwischen uns.


Natürlich lüge ich.

Oder vielleicht verzögere ich einfach.

Ich lasse mir Zeit.

Wir schwingen uns aufeinander ein.

Wir tasten uns vor.

Wir fühlen ein.

Wir überprüfen.

Wir sichern ab.


Jeder hat das Potenzial, alles von mir zu bekommen.

Aber nicht alles, nicht sofort.

Nicht weil ich etwas verstecken möchte.

Sondern weil manche Wahrheiten erst tragfähig werden müssen.

Weil die Verbindung erst stark genug werden muss, sie zu halten.

Weil ich mir sicher sein möchte, dass meine Wucht dich nicht umhaut.

Dass das, was zwischen uns entstanden ist, nicht bei der ersten Erschütterung zusammenfällt. Und ich selbst nicht ins bodenlose falle.


Natürlich lüge ich.

Manchmal bin ich einfach zu müde, um dieses Fass in mir aufzumachen.

Manchmal ist es nicht der richtige Ort.

Nicht der richtige Moment.

Manchmal habe ich selbst noch keinen Anfang und kein Ende gefunden.

Noch keine Form.

Noch keine Sprache.

Ich weiß selbst noch nicht, wie ich darüber sprechen soll.

Natürlich lüge ich dann.


Und manchmal schäme ich mich.

Nicht für das, was wahr ist.

Sondern dafür, wie wahr es ist.

Für die Größe meiner Entscheidungen.

Für die Intensität meiner Gefühle.

Für die Konsequenz, mit der ich manchmal meinen eigenen Weg gehe.

Für mich ergibt das Sinn.

Für mich ist das logisch.

Logik ist immer subjektiv.


Und irgendwo in mir lebt die Vorstellung, dass es für dich zu viel sein könnte.

Zu intensiv.

Zu komplex.

Zu kompliziert.

Zu verrückt.

Und genau dort beginnt etwas... Interessantes.

Denn... vielleicht schütze ich gar nicht die Verbindung.


Vielleicht schütze ich mich vor dem Risiko, herauszufinden,

dass meine Annahmen f a l s c h sind.

Vielleicht entscheide ich schon vorher für dich,

wie du r e a g i e r e n wirst.

Vielleicht schreibe ich deine Antwort,

bevor du überhaupt die Chance hattest, sie s e l b s t zu geben.

Vielleicht halte ich Wahrheit zurück,

weil ich glaube ganz genau wissen, was dann p a s s i e r t.


Und genau das weiß ich eben nicht.


Vielleicht nehme ich mir damit die Möglichkeit,

verletzt zu werden.

Aber vielleicht nehme ich mir damit auch die Möglichkeit,

überrascht zu werden,

das es anders ist.



Vielleicht lasse ich meine Angst größer werden als die Realität.

Vielleicht halte ich mich fest an einer Vorstellung davon,

was passieren könnte, und verpasse dabei das,

was tatsächlich passiert w ä r e.


Vielleicht wäre es schwer geworden.

Vielleicht wäre es unbequem geworden.

Vielleicht wäre es auch schöner geworden,

als ich es mir jemals hätte vorstellen können.



Und ich gebe d i r und m i r nicht die Chance, das herauszufinden.

Vielleicht habe ich nie gelogen,

um dich zu täuschen.

Vielleicht habe ich geschwiegen,

weil ich schon wusste, wie du reagieren wirst.


Und genau das wusste ich eben n i c h t.

 
 
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