#39 Was zwischen uns tritt, uneingeladen
- Rosemarie

- 19. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Du und ich.
Reden.
Viel. Lange.
Stundenlang.
Leichtigkeit. Lachen.
Unvernunft. Vernunft.
Interesse.
Nähe.
Eine ganze lange Weile.
Und dann sind wir plötzlich nicht mehr zu zweit.
Wir haben Gesellschaft bekommen.
Uneingeladen steht plötzlich jemand zwischen uns.
Wir sind zu dritt.
Du selbst bemerkst es nicht.
Du hörst es nicht, spürst es nicht.
Du bist noch da – und gleichzeitig weit weg.
Hast plötzlich Sendepause.
Wurdest eingenommen.
Bist nicht mehr du selbst.
Ich nehme das Dritte zwischen uns wahr.
Atmosphärisch.
Es ist komplett anders als du.
Groß. Übermächtig.
Laut. Schneidend.
Kalt. Hart. Bedrohlich.
Lieblos. Unerbittlich. Starr.
Das, was ich nun spüre,
lässt mich zusammenzucken.
Ich ziehe mich zurück.
Wie eine Schnecke schützend in ihr Haus.
Werde kleiner. Mache mich bewusst kleiner.
Passe mich an.
Werde netter und glatter.
Biete so wenig Angriffsfläche wie mir nur irgendwie möglich.
Auch ich bin nicht mehr ich selbst.
Und damit sind wir zu viert.
Automatisch habe auch ich jemand anderem Platz gemacht.
Bin erst mal weg.
Weit weg. In Sicherheit.
Ich halte nur noch sehr, sehr zaghaft Verbindung.
Will mich nicht mehr so sehr verletzen lassen.
Mich nicht mehr so ohnmächtig fühlen.
Ich kenne diesen alten Schmerz zu gut.
Den vom Großen, Übermächtigen.
Ich erlebe mich wieder so vertraut sprachlos.
Wir sind zu viert.
Mein Kopf kann es benennen: Introjekte.
Sie haben u n s e r e Bühne übernommen.
Spielen nun die Hauptrollen.
Wir sind nur noch Statisten in u n s e r e r Begegnung.
Introjekte – die damaligen Stimmen aus unserer nahen Umgebung,
die in uns weiterleben.
Noch immer.
Worte und Energien verinnerlicht, zu eigen gemacht.
Um selbst nicht weiter verletzt zu werden.
Ein vergangenes Echo,
das noch immer wirkt,
das heute noch mitsprechen will.
Zeitebenen verschieben sich,
überlagern sich.
Sie erzählen unsere Geschichte,
ohne dass einer von uns sprechen müsste.
Vorher war zwischen uns Spielraum und Bewegung,
nun haben Kanten und Spitzen Raum eingenommen,
sichern verhärtet Abstand.
Ungefragt, ungebeten.
Nicht alles ist schlecht:
Durchhalten. Weitermachen. Funktionieren.
So vieles konnte in unserem Leben erst dadurch gelingen.
Es darf bleiben.
Es darf gewürdigt werden.
Und doch bleibt sie,
die beharrliche leise Frage:
Was kostet es uns,
noch immer so zu leben?
Mit dem Nachhall der Vergangenheit in unserer Gegenwart.
Das vergangene Echo m u s s künftig bewusst gehört werden,
es m u s s spüren das Härte weichen darf.
Sonst ruiniert es a l l e s aufkeimende wahre in Begegnung.
Leichtigkeit. Lachen.
Unvernunft. Vernunft.
Interesse.
Nähe.
Wir sind zu viert.
Weil einer von uns sich ganz
und verletzlich gezeigt hat.
Mit allem.
Ein bewusster Moment,
ohne Schilde.
Der Trigger.
Einmal ausgelöst,
gab es keine Wahl.
Kein Zurück mehr.
Wir beide werden hinein geschleudert
in längst vergangenes Erleben.
In veraltete Schutzmechanismen.
Damals:
Du und ich konnten nicht.
Unsere Eltern nicht.
Unsere Großeltern auch nicht.
Sie mussten funktionieren.
Überleben.
Im wahrsten Sinne.
Krieg.
Kollektive Themen.
Unbewusst weitergegeben.
Sie wussten es nicht besser.
Haben es nie hinterfragt.
Konnten vielleicht auch nicht.
Hatten nicht mehr die Kraft.
Kollektive Traumata
werfen noch immer ihre Schatten
in unsere Gegenwart.
Obwohl das damals längst vorbei ist.
Keine Entschuldigung
Eher ein tastender Versuch zu verstehen.
So stehen plötzlich zwei Menschen da.
Nach einem Trigger umzingelt von vergangenen Themen,
um die keiner gebeten hat.
Themen,
die nichts mit dem Hier und Heute zu tun haben.
Nicht mit dir.
Nicht mit mir.
Nicht mit uns.
Und doch verstrickt,
mit unserer Familiengeschichte.
Als das Große in unserem Alltag omnipräsent war:
Groß. Übermächtig.
Laut. Schneidend.
Kalt. Hart. Bedrohlich.
Lieblos. Unerbittlich. Starr.
Wir waren damals klein und allein.
War doch normal.
War doch alles gut.
Mit wem hätten wir reden sollen?
Über was auch?
„Aus uns ist was geworden.“
„Über so etwas spricht man nicht.“
„Geschadet hats ja keinem.“
Bla bla bla.
So blieb man allein.
Bis heute.
Das Drama der Familiengeneration,
lebt schwer in uns,
wie ein alter, muffiger Schwamm,
vollgesogen, schwer
vom Gesammelten,
der noch immer mitgetragen wird.
So lange gehalten,
so vertraut geworden,
dass man vergessen hat,
dass man ihn auch auswringen kann.
Das hat dich und mich stark gemacht.
Unglaublich stark.
Wir können alles alleine tragen.
Alles.
Alleine.
Ahh waahhh! Geht doch!
Wir mussten ja.
Wir machen das schon seit ner langen Weile.
Immer alleine
g e g e n alles und jeden.
Wo der alte Schwamm
noch immer Raum einnimmt,
ist kaum Platz
für einen selbst.
Das macht müde,
leer.
Der Preis: immer weiter,
Langsamer werden und
sanfter werden – ein No-No.
Der Preis: Nähe nur dort,
wo sie nicht zu tief geht
und nicht zu wahr ist.
Der Preis: ein Sich-Zeigen und
sich Zumuten in minimaler Dosierung,
weil ganz man selbst zu sein
war nie eine sichere Option.
Und so lebt man weiter,
halb-herzig, gut geschützt.
Investiere
Wahrnehmen.
Spüren.
Gegenwärtigsein.
Bemerke
Du bist heute schon lange
nicht mehr klein und allein.
Finde Worte für dein Inneres.
Unterscheide
zwischen damals und jetzt.
Nähe darf
nach und nach
als nicht-bedrohlich erlebt werden.
Die Schützengräben
dürfen Gartenzäune weichen.
Und in Momenten
purer Begegnung darf das,
was schützte und begrenzte,
langsam an Spannung verlieren.
Endlich.
Gesehen werden.
Wirklich gesehen
wirst du dann,
wen du dich selbst nicht mehr verlässt
und ganz bleibt.
Nicht halbherzig.
Auch mit dem,
was sonst verborgen bleibt.
Das nährt, stärkt, trägt
und ist zugleich unheimlich,
weil es all die schützenden
alten Mauern erschüttert,
die man noch immer
mühselig in Schuss hält.
Wirklich echte Begegnung entsteht e r s t dann
Wenn b e i d e wahrnehmen,
wann das Lebendigkeit zwischen ihnen bedroht wird.
Wenn b e i d e bemerken,
das sich uneingeladene Gäste dazwischen stellen.
Wenn b e i d e nicht länger zulassen,
dass raue Vergangenheit, zarte Gegenwart verwüstet.
Wenn b e i d e ihr Echo der eigenen Vergangenheit hören,
und ihm nicht mehr gehorchen.
Wenn b e i d e beschließen,
dass die Ohnmacht der eigenen Geschichte,
keine Macht mehr über die Gegenwart nimmt.
Wenn b e i d e weder gegeneinander kämpfen,
noch gegen sich selbst,
sondern f ü r sich
und f ü r einander.
Immer und immer wieder.
Bedingungslos.
Unerbittlich.
Laut.
Groß.
Liebvoll.
So lange bis jeder uneingeladene Gast
und jedes Echo spürt:
Es ist nicht mehr willkommen.
Es ist nicht mehr nötig.
Dass das,
was damals schützte,
heute verletzt.
Die Vergangenheit darf dort bleiben.
Das Echo darf verklingen.
Damit unverstelltes Miteinander
die Gegenwart einnimmt.
Und die Vergangenheit
es nicht mehr wagt,
dazwischenzustehen.
Gegenwart beginnt,
sobald man nicht mehr zulässt,
dass Vergangenheit führt.
A big part of becoming an adult
is unlearning a lot of the shit
you were taught by people
who didn't know
what they were doing either.




