#57 Bleib.
- Rosemarie

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Bleib,
wenn du auf jemanden triffst,
der dich wirklich sieht.
Nicht nur das, was du zeigst.
Nicht nur das, was du kannst.
Sondern dich.
Dich,
durch alle Schichten.
Durch die glitzerschönen.
Durch die scheißigschmerzhaften.
Durch die, die du selbst manchmal nur streifst
und die, die du so gut versteckst,
dass du fast glaubst, sie wären weg.
Bleib,
wenn du bemerkst,
da schaut jemand durch deine Maske hindurch,
die du sorgfältig geschaffen hast,
bleibt trotzdem,
oder gerade deswegen.
Bleib,
auch wenn in dir Unruhe hochzieht.
Weil auf einmal Raum da ist.
Ungewohnt.
Zu viel Raum.
Für dich.
Raum für alles.
Bleib,
wenn alles in dir rebelliert.
Weil du das so noch nicht kennst.
Weil dein System sagt:
„Zu ruhig. Zu weit. Zu offen. Kann nicht sein. Kann nicht sicher sein.“
Bleib.
Bleib,
noch ne ganz lange Weile.
Bleib,
immer dann wenn du zurückzuckst.
Bleib,
wenn du ungläubig bleibst.
Bleib,
wenn dein Kopf flüstert:
„Zu schön, um wahr zu sein.“
Bleib,
wenn du merkst:
Egal, was du erzählst - da ist kein hartes Urteil.
Nur Raum, für deine Worte
Nur jemand, der hört
und nichts daraus gegen dich baut.
Bleib,
wenn da jemand ist,
der aus deinen Puzzleteilen
kein Urteil macht,
sondern ein Ganzes.
Der fragt, nicht, um dich festzunageln,
sondern um dich zu sehen.
Mehr.
Weiter.
Tiefer.
Bleib,
wenn dein Gegenüber dich nicht einordnen will,
sondern dich anschaut
wie etwas, das man nicht lösen muss -
sondern bestaunen darf.
Bleib.
Bleib,
wenn Nähe auf einmal nah wird.
So nah,
dass du sie fast wieder wegschieben willst.
Bleib,
und gib dir selbst die Zeit,
zu bemerken,
dass du in diesen d a z w i s c h e n nicht mehr auf der Hut sein musst.
Dass da kein Druck ist.
Kein Ziehen.
Kein „Du musst jetzt…“
Bleib,
wenn du bemerkst das dein inneres Scannen langsamer wird.
Wenn dieses ständig ratternde
„Ist es sicher? Ist es sicher? Ist es sicher?“
leiser und langsamer wird.
Und es vielleicht sogar… in dem d a z w i s c h e n verstummen darf.
Und vielleicht wird es so still,
dass es sich falsch anfühlt.
Dann, bleib.
Es ist noch unvertraut, ungewohnt.
Bleib,
wenn du merkst,
du kannst dich zurücklehnen.
Ein kleines Stück.
Noch nicht ganz.
Aber genug,
um zu atmen.
Bleib,
wenn Worte weniger werden.
Und Sein reicht.
Einfach mal reichen darf.
Endlich.
Einfach nur sitzen.
Einfach nur da sein.
Einfach nur existieren -
und es genug ist.
Bleib,
auch wenn du anfängst,
von Dingen zu erzählen,
die schwer sind.
Von vergangenen Version.
Von dem was du sonst bewusst verschweigst.
Von dem, was mal war.
Von dem, was dich geprägt hat.
Von dem, was dich heute zum hat werden lassen der du aktuell bist.
Und du merkst:
Es bleibt ruhig.
Es bleibt weit.
Es bleibt da.
Bleib,
auch wenn dein Körper
genau wegen dieser Ruhe unruhig wird
und meldet:
„Lauf.“
Weil da etwas berührt wird,
so tief,
so ungewohnt,
so echt,
dass du es kaum aushalten kannst.
Genau dann.
Bleib.
Bleib ein bisschen länger,
als du es gewohnt bist.
Nur einen Augenblick länger.
Nur einen Atemzug länger.
Weil das kein Zufall ist.
Das ist ein Level-up.
Leise.
Nicht spektakulär.
Echt.
Bleib,
auch wenn dein Kopf es nicht versteht.
Nicht einordnen kann.
Keine Schublade findet.
Nicht alles will verstanden werden.
Echtes will einfach nur erfahren werden.
Der Rest entsteht dann wie von selbst.
Im Körper.
Im Atem.
Durch das Hier.
Durch das Jetzt.
Durch das bleiben.
Deswegen: bleib.




