#56 Lebendige Ruhe
- Rosemarie

- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Wenn jemand fühlen kann,
wirklich e i n f a c h nur fühlt,
und n i c h t mehr an dir zerrt.
Keine Welle, die dich droht zu verschlingen.
Kein Sog, der dich nach unten zieht.
Dann reicht es, dass du da bist.
Einfach nur da bist.
Einfach nur präsent bist.
Einfach nur mit beiden Füßen am Ufer bleibst.
Deine Präsenz ist genug.
Und du spürst, wie dein Körper zögert.
Dein Kopf meldet ein leise ungläubiges "Hä?"
Weil du es bisher nur anders kanntest.
Ja, du bist mit intensiven Wellen vertraut.
Monsterwellen, die nie fragten.
Die einfach kamen.
Dich trafen.
Dich mitrissen.
Mit voller Wucht.
Du kennst dieses Gefühl,
wenn dein gegenüber schon halb untergeht,
und du helfen willst,
du deine Hand ausstreckst.
Willst nur ein Stückchen ins Wasser gehen, um selbst sicher zu bleiben.
Du erschrickst, verlierst deinen Halt, wirst mitgerissen.
Der Boden unter deinen Füßen schwindet.
Du bist unter der Oberfläche.
Wasser flutet Mund und Nase.
Dennoch bist du wild entschlossen:
"Ich halte dich."
"Ich bin da."
"Ich bleibe."
Aber: du gehst mit unter.
Genau d a s ist es, was sich eingebrannt hat.
Die trügerische Mischung aus:
Ich will helfen.
Ich kann helfen. Oft.
Und zu oft bin ich selbst dabei mit untergegangen.
Dein Körper erinnert dich noch heute daran:
immer wieder,
sobald sich eine dieser Welle nähert,
sobald es droht intensiver zu werden,
... weichst du zurück.
... sicherst dich ab.
... hältst Abstand.
... gehst nicht rein.
... bleibst am Festland.
Das ist klug.
Das ist nicht kalt.
Denn du weißt was es für dich bedeutet: unterzugehen.
Aber.
Was wenn...
... eines Tages eine n e u e Erfahrung kommt?
Ohne Ankündigung.
Jemand.
Einfach da ist.
Da steht jemand mitten im Gefühlsozean,
und bleibt in lebendiger Ruhe.
Das Wasser steigt jemanden weiter bis zum Hals,
und bleibt in lebendiger Ruhe.
Da tun sich Tiefen in jemanden auf,
und bleibt in lebendiger Ruhe.
Die Wellen nehmen jemanden für Momente die Luft,
und bleibt in lebendiger Ruhe.
Jemand schlägt nicht panisch um sich,
macht keine Anstalten dich mitzureißen.
Jemand hält sich selbst.
Und du stehst einfach nur da
am Rand, am Ufer
ungläubig, unsicher ...
u n d
dein Kopf meldet ein leise ungläubiges "Hä?"
"... ich muss da nicht mehr mit rein?"
"... ich muss nicht retten?"
"... ich kann einfach da sein?"
Während Sturm und Wellen um jemanden toben.
Bemerkst du: da ist endlich Raum.
Für: dich.
Zwischen dir und meterhohen Wellen,
atmest du: frei,
hast Boden unter den Füßen,
fühlst dich: sicher,
du bist noch: ungläubig, unsicher.
Und vielleicht, vielleicht...
Weil du es möchtest.
trittst du langsam einen kleinen Schritt näher.
Bist da.
Und du bemerkst: das ist genug.
Für jemanden.
Heute.
Diese Wellen
haben nicht mehr die Absicht dich mitzureißen.
Diese Wellen
können dich nicht mehr mitreißen.
Diese Wellen
flachen ein wenig schneller ab.
Einfach nur, weil du p r ä s e n t bist.
Bleib einfach stehen, auch wenn es dich bewegt.




