#3 Warum du nicht "low vibe" bist, sondern einfach Mensch
Aktualisiert: vor 4 Stunden

Das Wort Energie kommt vom griechischen energeia und bedeutet so viel wie wirkende Kraft. Ich mag diese Übersetzung sehr, weil sie dem Begriff sofort etwas von seinem esoterischen Nebel nimmt.
Energie wirkt. Sie bewegt etwas, verändert etwas, setzt etwas in Gang. Genau deshalb begegnet uns das Wort in völlig unterschiedlichen Bereichen: in der Physik, im Körper, in unserer Sprache und in unserem alltäglichen Erleben.
Bei „Schwingung“ und „Frequenz“ wird es ähnlich interessant. In der Physik haben diese Begriffe eine konkrete Bedeutung. Eine Frequenz beschreibt, wie oft sich ein periodischer Vorgang innerhalb einer bestimmten Zeit wiederholt. Im Alltag benutzen wir dieselbe Sprache ständig, ohne darüber nachzudenken.
„Mit der bin ich einfach nicht auf einer Wellenlänge.“
„Der Vibe hier ist irgendwie komisch.“
„Heute bin ich überhaupt nicht in Stimmung.“
„Die Energie im Raum hat sich komplett verändert.“
Das sagen Menschen jeden Tag. Und meistens wissen alle ziemlich genau, was gemeint ist.
Schwingung muss gar nicht mystisch sein
Stell dir einen Morgen vor, an dem du schon beim Aufwachen genervt bist. Der Wecker ist eine persönliche Beleidigung, der Kaffee kann nichts dafür und trotzdem schmeckt er falsch, und spätestens beim dritten Menschen im Straßenverkehr fragst du dich, ob heute wirklich alle beschlossen haben, dich persönlich zu testen.
An einem anderen Tag stehst du auf und etwas fühlt sich leichter an. Dieselbe Straße, derselbe Kaffee, ähnliche Termine – und trotzdem erlebst du den Tag anders.
Dein Zustand macht einen Unterschied.
Traurigkeit hat eine andere Qualität als Aufregung. Wut fühlt sich anders an als tiefe Ruhe. Verliebtheit verändert deinen ganzen Blick auf einen Menschen. Erschöpfung lässt dieselbe Aufgabe schwerer erscheinen als an einem Tag, an dem du ausgeschlafen und voller Energie bist.
Wir nennen das Stimmung, Zustand, Atmosphäre, Energie oder Vibe. Die Wörter unterscheiden sich, das Erleben dahinter kennen wir alle. Und dieses Erleben bleibt nicht irgendwo unsichtbar im Kopf. Emotionale Zustände sind mit körperlichen Prozessen verbunden. Herzfrequenz, Atmung, Muskelspannung, Aufmerksamkeit, Mimik und Stimme verändern sich mit unserem Zustand. Unser Gegenüber nimmt davon wiederum einiges wahr und reagiert darauf.
Schon sind wir mitten in Resonanz.
Dein Zustand wirkt nach außen
Vielleicht kennst du das aus Gesprächen. Du sitzt einem Menschen gegenüber, der kaum etwas sagt, und trotzdem merkst du: Hier stimmt gerade etwas nicht. Seine Stimme klingt anders, der Blick verändert sich, die Körperspannung ist eine andere.
Oder jemand kommt vollkommen aufgedreht in einen Raum und fünf Minuten später sind plötzlich alle ein bisschen schneller.
Menschen stimmen sich aufeinander ein. Zustände übertragen sich nicht wie eine magische Datei per AirDrop, aber wir nehmen permanent Signale voneinander auf und reagieren darauf.
Genau deshalb verändert ein Mensch einen Raum.
Und ein Raum verändert wiederum den Menschen.
Das meine ich, wenn ich von Schwingung und Resonanz spreche. Nicht irgendeine geheimnisvolle Punktzahl über deinem Kopf, die dir verrät, ob du heute spirituell wertvoll genug bist. Sondern eine Qualität des Erlebens, die wirkt.
„High vibe only“? Bitte nicht.
Aus der Idee von Schwingung wurde in Teilen der spirituellen Szene irgendwann eine ziemlich merkwürdige Rangliste. Freude, Dankbarkeit und Liebe stehen oben. Angst, Traurigkeit und Wut irgendwo im energetischen Keller. Und dann beginnt der Mensch, sich auch noch dafür zu verurteilen, dass er gerade traurig ist.
Herzlichen Glückwunsch. Jetzt bist du traurig und gestresst darüber, dass du offenbar falsch schwingst.
So funktioniert Menschsein nicht.
Wut ist nicht minderwertig. Traurigkeit ist nicht spirituelles Versagen. Angst macht dich nicht „low vibe“. Jeder dieser Zustände enthält Information und hat eine Funktion.
Wut mobilisiert. Angst macht aufmerksam. Traurigkeit verlangsamt und zieht nach innen. Freude öffnet. Neugier bewegt uns auf etwas zu.
Schwierig wird es nicht dadurch, dass wir diese Zustände erleben. Schwierig wird es, wenn wir in ihnen festhängen, sie dauerhaft wegdrücken oder beginnen, Teile unseres Erlebens gegen andere auszuspielen.
Energie ist Bewegung
Emotionen verändern sich. Körperzustände verändern sich. Aufmerksamkeit verändert sich. Kein innerer Zustand bleibt exakt gleich.
Schon ein Spaziergang kann etwas verschieben. Musik kann deinen Zustand verändern. Ein Gespräch. Schlaf. Essen. Bewegung. Eine Nachricht. Ein Konflikt. Eine Umarmung. Zehn Minuten Ruhe.
Deshalb gefällt mir das Bild von Energie als wirkender Kraft so gut.
Etwas bewegt sich.
Und etwas bewegt dich.
Das heißt nicht, dass du jeden Zustand sofort verändern musst. Manchmal braucht Traurigkeit Zeit. Manchmal braucht Wut Raum. Manchmal ist Erschöpfung schlicht die Information, dass jetzt Feierabend ist und nicht noch eine Atemtechnik fehlt.
Es geht um Wahrnehmung.
Was wirkt gerade auf dich? Und wie wirkst du gerade auf deine Umgebung?
Dein Alltag ist voller Resonanz
Auch deine Umgebung beeinflusst deinen Zustand. Räume, Musik, Menschen, Nachrichten, Gespräche, Licht, Natur, Geräusche und die Art, wie du deinen Tag gestaltest, wirken auf dein System.
Das merkt man manchmal erst im Kontrast. Du verbringst einen Nachmittag mit einem Menschen und fühlst dich danach weit und lebendig. Nach einem anderen Treffen brauchst du erst einmal zwei Stunden Ruhe. Du arbeitest drei Tage in einem chaotischen Raum und bemerkst irgendwann, wie unruhig du selbst geworden bist. Du gehst zwanzig Minuten in den Wald und stellst fest, dass dein Kopf plötzlich wieder Platz hat.
Nichts davon ist besonders mystisch.
Es ist Wechselwirkung.
Deshalb lohnt es sich, die eigene Umgebung nicht nur danach zu betrachten, ob sie praktisch funktioniert, sondern auch danach, wie sie auf dich wirkt.
Du bist keine feste Frequenz
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt.
Du bist nicht „high vibe“ oder „low vibe“.
Du erlebst Zustände.
Heute offen, morgen eng. Heute voller Kraft, morgen erschöpft. Heute mutig, morgen unsicher. Manchmal alles innerhalb von zwei Stunden, weil Menschsein offenbar ein ziemlich ambitioniertes Gesamtkunstwerk ist.Wenn wir anfangen, Zustände mit Identität zu
verwechseln, machen wir uns selbst unnötig eng.
„Ich bin gerade traurig“ ist etwas anderes als „Ich bin ein trauriger Mensch.“
„Mein System ist gerade hoch aktiviert“ ist etwas anderes als „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Diese Unterscheidung schafft Bewegung.
Zum Weiterdenken
Das hermetische Prinzip der Schwingung erinnert daran, dass Leben Bewegung ist. Zustände verändern sich, Menschen beeinflussen einander und unsere Umgebung wirkt permanent auf uns zurück.
Du musst daraus kein Projekt machen, bei dem du ab morgen ausschließlich auf der höchsten spirituellen Frequenz durchs Leben schwebst.
Beobachte lieber deinen Alltag.
Welche Menschen verändern deinen Zustand?
Welche Musik macht etwas mit dir?
Welche Räume geben dir Weite, welche ziehen dich zusammen?
Wodurch kommst du in Bewegung?
Was macht dich schwer?
Was belebt dich? Und was davon tut dir wirklich gut?
Schon diese Fragen verändern Wahrnehmung.
Denn sobald du bemerkst, was auf dich wirkt, entsteht mehr Wahl darin, womit du dich umgibst und was du selbst in einen Raum mitbringst.





