top of page

#65 Verdammt, die hübsche Schleife reicht nicht.

  • Autorenbild: Rosemarie
    Rosemarie
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


Es nervt mich manchmal immer noch ein bisschen - vor allem, weil es stimmt:

Du kannst dich nicht in eine neue Art zu l e b e n hineindenken.

Du musst dich in eine neue Art zu denken h i n e i n l e b e n.

Und das ist für mich ausgesprochen unerquicklich - weil ich es liebe zu zerdenken.



Ich liebe es, Dinge zu analysieren.

Ich liebe es, sie komplett druchdringen zu wollen.

Ich will verstehen, warum ich bin, wie ich bin.

Ich will die Ursache finden, das Muster benennen, die Angst verstehen,

sie bis in meine Kindheit zurückverfolgen, eine hübsche Schleife darum binden – und dann...

am liebsten - absolut nichts anders machen.



Denn Zerdenken ist verdammt viel Arbeit.

Das Schöne daran: Es fühlt sich an,

als würde ich dabei auch richtig große Fortschritte machen.

Und manchmal tue ich das sogar.

Es ist der Beginn von was ganz Großem.

Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem ich mir selbst eingestehe - ich beweg mich keinen spürbaren Zentimenter in die Richtung, in die ich aber unbedingt möchte.



Ich sitz einfach nur in meinem Kopf und dekoriere von Zeit zu Zeit meine Gefängniszelle um.

Ich kann meine Angst verstehen und mich t r o t z d e m von ihr steuern lassen.

Ich kann meine Unsicherheiten durchschauen und t r o t z d e m unsicher bleiben.

Ich kann meine Muster erkennen und sie t r o t z d e m immer wieder wiederholen, weil sie sich vertraut anfühlen.



Und das nervt.



Denn ich hätte wirklich wirklich gerne, dass Bewusstheit reicht und auch automatisch zu Veränderung führt.

Ich hätte gerne Anerkennung dafür, dass ich es jetzt besser weiß.

Aber... es besser zu wissen und es anders zu leben, sind zwei grundverschiedene Dinge.


Ich kann hier sitzen und sagen, dass ich ehrlicher sein sollte.

Aber dann muss ich tatsächlich die Wahrheit sagen, auch wenn meine Stimme zittert.

Und anerkennen, dass ich mich mit dem gezeigt habe, was m i r wichtig ist.


Ich kann sagen, dass ich dringend Grenzen setzen müsste.

Aber dann muss ich auch aushalten, dass jemand von mir enttäuscht ist.

Und anerkennen, dass ich endlich f ü r mich eingestanden bin.


Ich kann mir bis zum Umfallen erzählen, dass ich aufhören sollte, ständig nach Komfort zu suchen.

Aber dann muss ich tatsächlich mit meinem eigenen Unbehagen sitzen bleiben, ohne sofort nach einer Ablenkung zu greifen, als würde sie mir Geld schulden.

Und bemerken, dass ich mich auch daran gewöhnen kann und alles im Leben leichter wird, wen ich nicht mehr versuche davon zu laufen.



Genau diesen Teil versuche ich ständig wegzuverhandeln.

Immer mal.... wieder.

Ich will die neue Denkweise, b e v o r ich die neue Handlung mache.

Ich will das Selbstvertrauen, b e v o r ich das Schwierige tue.

Ich will den Frieden, b e v o r ich loslasse.

Ich will Beweise und Sicherheit, b e v o r ich vertraue.

Ich will mich bereit fühlen, b e v o r ich mich verändere.

Aber das Bereitsein kommt dann, w ä h r e n d ich den Weg gehe.

Nicht davor.


Ich werde nicht ehrlich, indem ich über Ehrlichkeit nachdenke.

Ich werde ehrlich, indem ich die Wahrheit sage.


Ich werde nicht verlässlich, indem ich in meinem Kopf die bessere Version von mir plane.

Ich werde verlässlich, indem ich die kleine Sache tue, die ich angekündigt habe – auch wenn niemand applaudiert.


Ich werde nicht frei, indem ich jede einzelne Kette analysiere.

Ich werde frei, indem ich einfach eine davon ablege.



Und das nervt.



Weil es so viel weniger aufregend oder gloreich ist, als ich gehofft hatte.

Ich will, dass die großen Erkenntnisse für irgendetwas zählen.

Ich will diesen einen lebensverändernden Moment.

Ich will das Ziel erreicht haben und dann fertig sein.

Ich will, dass die Wolken aufreißen und das Universum mir einen notariell beglaubigten Brief in Schönschrift schickt, auf dem steht: „Herzlichen Glückwunsch. Du hast es geschafft.“



Gelebte Veränderung ist ein Marathon.

Es fühlt sich langweiliger, als man denkt und er sieht eher so aus:


Ich mache einfach eine leicht unangenehme Sache ein anders und besser als bisher.


Den Anruf machen.

Zum Treffen gehen.

Die Nachricht nicht abschicken.

Nein sagen.

Ich springe nicht sofort.

Ich halte es aus, dass ich gerade keine Antwort habe.

Mich erwischen wenn ich meinen Scheiß auf andere projeziere.

Verantwortung übernehmen, das ich falsch lag.

Ich vertraue meinem Gefühl und höre nicht auf meine Angst.

Sagen was ich brauche.

Zuhören ohne reinzuinterpretieren.

Eine Grenze respektieren.

Spazieren gehen.

Die Rechnung sofort bezahlen.

Pause machen, auch mal nur innehalten.

Entschuldigung sagen, ohne eine zehnminütige Erklärung hinterherzuschieben.


Da ich nicht immer die gleiche Energie und Kapazität zur Verfügung habe,

bin ich dabei auch lieb mit mir selbst.

Und genau dadurch verändere ich meinen Alltag und mein Leben.


 
 
bottom of page