#66 Gibts einen Oscar für Katastrophenfilme? Ich habe ein paar richtig gute Drehbücher.
- Rosemarie

- 21. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Neulich habe ich mich vor einer Nachricht gedrückt.
Nicht tagelang... Eher so lange, dass es für mich selbst langsam unangenehm wurde.
Du weißt schon, diese Kategorie von Aufgabe, von der man schon ahnt, die dauert eigentlich zwei Minuten, aber man behandelt sie innerlich, als würde man morgen zum ersten Mal eine Rede vor 20.000 Menschen halten. Und irgendwann musste ich über mich selbst lachen. Und denk mir dabei: "Ach Gottchen, schau einer an, da ist es ja wieder das altbekannte Lied.“
Weißt du, was ich mittlerweile für mich erkannt habe?
Das Problem ist erstaunlich oft gar nicht die Aufgabe.
Das Problem ist die V o r s t e l l u n g der Aufgabe.
Da ist ein Anruf.
Eine Nachricht.
Ein Gespräch.
Eine Entscheidung.
Etwas, das einfach angegangen und erledigt werden möchte.
Und bevor die Realität überhaupt die Gelegenheit bekommt, sich zu zeigen, haben wir innerlich bereits einen kompletten Katastrophenfilm produziert.
Mit Drehbuch.
Mit Soundtrack.
Mit Special Effects.
Mit sämtlichen Horrorszenarien.
Wir Menschen können uns das Schlimmste in den herrlichsten Farben ausmalen.
Für das Beste... reservieren wir dagegen erstaunlich selten einen Platz in der ersten Reihe.
Irgendwann kam mir dafür das Bild eines Schneeballs in den Sinn.
Am Anfang ist die eigentliche Aufgabe oft ziemlich klein.
Aber jedes Mal, wenn wir daran vorbeilaufen, bleibt etwas daran kleben.
Eine Befürchtung.
Eine alte Erfahrung.
Ein bisschen Unsicherheit.
Vielleicht Scham.
Vielleicht die Erinnerung daran, dass etwas Ähnliches schon mal unangenehm war.
Vielleicht einfach die Tatsache, dass sowieso schon viel los ist.
Und irgendwann ist die ursprüngliche Aufgabe kaum noch zu erkennen, weil sich so viel darum herumgelegt hat.
Und das ist etwas zutiefst Menschliches.
Wir leben in einer lauten Welt.
Schnell.
Voll.
Ständig will irgendetwas unsere Aufmerksamkeit.
Irgendwer möchte etwas.
Irgendetwas sollte noch erledigt werden.
Irgendwo wartet die nächste Entscheidung.
Kein Wunder, dass unser System irgendwann vorsichtiger wird. Sensibler. Wachsamer.
Es versucht Energie zu sparen.
Es versucht uns vor weiteren Belastungen zu schützen.
Das ist keine Charakterschwäche.
Das ist ein gesundes und manchmal ziemlich altes Überlebensprogramm, das noch nicht überall mitbekommen hat, dass wir inzwischen in einer anderen Zeit leben.
Das Verrückte daran ist nur:
Unser System reagiert manchmal auf eine mögliche unangenehme Erfahrung, als wäre sie bereits eingetreten.
Nicht weil es dumm wäre. Sondern weil es schützen will.
Nur macht es dabei nicht immer einen sauberen Unterschied zwischen dem, was tatsächlich vor uns liegt und dem, was wir befürchten, dass vielleicht passieren könnte.
Und so tragen wir manchmal stunden-, tage- oder wochenlang eine Last mit uns herum, die in Wirklichkeit noch gar nicht existiert.
Wirds irgendwann aufhören, nöööh...
Deshalb habe ich mir angewöhnt, mir immer wieder selbst auf die Schliche zu kommen.
Immer dann, wenn ich mich dabei vor etwas drücke. Immer dann, wenn ich innerlich anfange herumzueiern. Immer dann, wenn ich mir zum zehnten Mal erkläre, warum ich mich später darum kümmern werde. Denn diese Dinge fühlen sich fast immer größer an, bevor ich sie mache. Und fast immer klein und erstaunlich machbar, nachdem ich sie erledigt habe.
Das heißt nicht, dass jede Sorge unbegründet ist.
Und ja es gibt einen guten stimmigen Zeitpunkt.
Und es heißt auch nicht, dass wir uns einfach zusammenreißen müssten.
Aber es hilft enorm, sich daran zu erinnern, dass die Aufgabe und die Vorstellung der Aufgabe n i c h t dasselbe sind.
Dass eine Lawine manchmal aus sehr vielen einzelnen Schneeflocken besteht.
Dass man sie zerlegen kann.
In Gedanken.
In Befürchtungen.
In einzelne m a c h b a r e Schritte.
Und dass am Ende manchmal nur noch der Anruf übrig bleibt.
Die Nachricht.
Das Gespräch.
Oder ein simples: „Okay. Ich kümmere mich jetzt einfach darum.“
Und genau dadurch schrumpft du selbst das Ganze wieder.
Flocke für Flocke.
Gedanke für Gedanke.
Geschichte für Geschichte.
Wort für Wort.
Erfahrng für Erfahrung.
Und weißt du was?
Ich finde es für mich inzwischen ein sehr befriedigendes Gefühl, festzustellen, dass die Realität deutlich freundlicher war als die Geschichte, die ich mir v o r h e r erzählt habe.
Nach diesem Gefühl halte ich inzwischen Ausschau.
Ja... ich laure ihm nahezu auf.




